Krise bei Scandlines - Verantwortung für Menschen übernehmen
Scandlines zieht sich zurück, diese Botschaft im 100. Jahr des Bestehens der Eisenbahnfährlinie Sassnitz - Trelleborg nur zur Kenntnis zu nehmen, fällt äußerst schwer.
Mit Nachdruck geht von der Stadt Sassnitz das Signal aus, dass die Vorstände von Scandlines Deutschland / Dänemark über ihre Entscheidungen nachdenken, die aus rein wirtschaftlichen Erwägungen erfolgen. Man fragt sich, wozu Wirtschaft eigentlich da ist.
In diesem Zusammenhang ist auch die Politik zu hinterfragen. Immerhin ist der Verkauf von einer florierenden Scandlines zu den aus heutiger Sicht untragbaren finanziellen Bedingungen mit den jetzt sichtbaren Folgen erfolgt durch die Deutsche Bahn als Gesellschaft des Bundes mit Beteiligung der Bundespolitik und Mitwirkung der Landespolitik.
Hinzu kommt nun die Finanz- und Wirtschaftskrise, die neben der Großindustrie auch ganz stark in das Transportwesen und damit in die Häfen wirkt. Auch diese ursächliche Finanzpolitik war politisch gewollt, Geld mit Geld zu machen. Die Arbeitenden, die mittleren Unternehmen, die Städte und Gemeinden waren schon da die Zahler und betroffen. Sie werden es jetzt erst recht.
Wie sich zeigt, können wir nicht mit den Verursachern in einem Boot sitzen. Mit den Folgen müssen wir zurechtkommen, aber nicht mit den Entscheidungen der Steuerleute. Noch weniger zu essen, noch kräftiger zu rudern. Auch hier sind Politik und Wirtschaft aufgefordert, Lösungen im Sinne der arbeitenden Menschen, der Verbraucher und der betroffenen mittleren und kleinen Unternehmen und der Gemeinden zu finden.
Für die Linie Sassnitz - Trelleborg heißt das auch, auf die schwedische Seite von Scandlines zuzugehen, um deren Anstrengungen für die Linie stärker in die Waagschale zu legen. Diese Linie, wie alle anderen, ist nicht nur eine rein wirtschaftliche Angelegenheit. Sie verbinden auch Menschen, uns hier in Sassnitz seit vielen Jahrzehnten mit unseren heutigen schwedischen Freunden. Die Freundschaft ist schwer errungen, die europäische Einheit ist schwer errungen, wenn man auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts schaut.
Was den Fährstandort Sassnitz angeht, sollten auch die Anstrengungen verstärkt werden, den Osteuropaverkehr als Möglichkeit eines Aufschwungs zu nutzen.
Wir hier in Sassnitz, aber auch in Trelleborg, werden das Jubiläum der Eisenbahnfährlinie begehen als Zeichen der Solidarität, im Bewusstsein, dass es ohne Betrachtung und Anerkennung von Geschichte keine Zukunft gibt. Gemeinsam mit unseren schwedischen Partnern und Freunden in Trelleborg verstehen wir dieses Jubiläum in dieser Zeit auch als Zeichen der Solidarität mit den Beschäftigten von Scandlines.
D. Holtz
Bürgermeister